Für mich sorgen – aber wie?
Ein Kind hat wieder seinen Teller stehen gelassen und ich spüre, wie es mich aufregt. Und ich weiß mittlerweile: Moment, ich bin gereizt. Mir geht es gerade nicht gut. Sonst würde ich nicht so auf den Teller reagieren.
Warum das so ist, habe ich im Artikel [Chaos zu Hause – und keiner hilft mit](/angekommen/chaos-zu-hause-keiner-hilft-mit/) erzählt. Aber nur weil jemand sagt „Entspann dich mal“, entspannt man ja nicht. Im Gegenteil, mein Kopf schreit dann eher: Würd ich ja gern, aber wie?
Mir hilft es hier, einen Schritt zurückzugehen. Zu fragen, wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass ich so gereizt bin? Weil sobald ich das verstehe, kann ich es dauerhaft verändern. Und um das zu verstehen, möchte ich noch einen Schritt zurückgehen:
Mir hat keiner gezeigt, wie mein Leben funktioniert
Mir hat nie ein Mentor gezeigt, wie mein Leben funktioniert. Ich habe wahnsinnig viel darüber gehört, wie „man“ zu sein hat und was „man“ zu tun hat. Ganz vieles davon war für mich nicht richtig.
Bei Tipps und Ratgebern fällt mir das immer wieder auf. Da heißt es: So und so muss man es machen. Und fast immer stimmt das für manche, aber nicht für alle. Nur die Information, für wen es stimmt, fehlt meistens.
Am deutlichsten sehe ich das bei Diäten. Man hört sowas wie „Kohlenhydrate machen dick.“ Für wen gilt das? Wann gilt das? Bei welchen Mengen? Wie lange gilt das? Für einen Sportler, der Kohlenhydrate dringend braucht, wäre dieser Tipp völlig kontraproduktiv, in manchen Situationen ist er für manche sicher hilfreich. Es kommt immer darauf an, welcher Tipp wann für wen passt.
Mach noch mehr davon
Im Leben ging es mir genauso. Ich bin mit einer Vorstellung aufgewachsen, wie es zu laufen hat: ein Haus, ein Auto, ein Job, in dem ich irgendwie viel Geld verdiene. Urlaube machen, schöne Bilder bei Instagram posten.
Und wenn es nicht so lief, fühlte es sich komisch an. Aber schon von Kindesbeinen an hatte ich die Antwort darauf auswendig gelernt: Streng dich halt mehr an. Mach noch mehr davon. Die nächste Diät, noch ein Urlaub, Überstunden, noch ein Job, ein eigenes Business. Machen, machen, machen.
Mehr, mehr, mehr. Was mir dabei gefehlt hat, war: Moment mal. Geh einen Schritt zurück. Ist das überhaupt das Richtige für mich? Ist das mein Weg? Ist das der Weg, den ich gehen will und der zu mir passt?
Pioniere, Bewahrer, Verwalter
Menschen sind unterschiedlich. Sie haben wahnsinnig unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen. Manche sind kreativ, manche Leader, manche wollen einfach anpacken und etwas bewegen. Manche sind Verwalter und Bewahrer und schützen das Alte, damit wir immer darauf zurückgreifen können. Und manche sind Pioniere und bringen neue Ideen in die Welt.
Es ist gut, wenn nicht gleich jede neue Idee übernommen wird, weil nicht jede neue Idee auch gut ist. Und genauso ist manches wert bewahrt zu werden und manches wurde von der Zeit längst überholt. Aber alles davon hat seinen Platz.
Wenn ich nicht weiß, wohin ich gehöre – bspw. zu den Bewahrern oder Pionieren – fühle ich mich falsch. Wächst ein Bewahrer unter Pionieren auf, denkt er: Die sind alle wahnsinnig, ständig wollen sie was Neues, wir müssen doch das Alte beschützen. Wächst ein Pionier unter Bewahrern auf, dreht er durch: Wir haben so gute Möglichkeiten, wir müssen etwas verändern!
Sobald ich begreife, dass alle diese Rollen wertvoll sind, muss niemand mehr gegen den anderen kämpfen. Dann weiß der Pionier: Was der Bewahrer da macht, ist meine Versicherung. Und der Bewahrer weiß es über den Pionier. Jeder hat seinen Platz.
Zurück zum Durcheinander zu Hause
Das ist ein großer Ausflug. Aber er führt direkt zurück in unsere Wohnung.
Wenn ich nicht weiß, was mein Platz im Leben ist, fühle ich mich nicht wohl. Dann fange ich an, andere Menschen zu bekämpfen aus meinem Unwohlsein heraus. Ich wehre mich gegen ihre Wahrheit, weil ich spüre, dass sie für mich nicht stimmt. Ich habe einen inneren Kompass, der das eigentlich wahnsinnig gut merkt: Das fühlt sich gerade falsch an, das ist nicht mein Weg. Und trotzdem bin ich ihn lange gegangen. Weil ich nicht wusste, dass es andere Wege gibt. Weil ich nicht wusste, dass ich andere Entscheidungen treffen darf.
Mir hätte es früher geholfen, jemanden zu haben, der mit mir sortiert: Was ist wirklich wahr? Was ist seine Wahrheit, was ist meine? Und wo ist es sinnvoll selbst zu entscheiden?
Genau das machen wir heute im Seminar. Wir schauen uns die Wahrheit an, die du irgendwann übernommen hast. Ist das eigentlich deine? Bist das wirklich du? Oder hast du sie von jemandem übernommen, der eine ganz andere Agenda im Leben hat?
Für mich war das immer so befreiend: Moment, das bin ich gar nicht. Manches muss ich ausprobieren, um das festzustellen. Anderes kann ich mir sparen, weil sich von Anfang an mein ganzer Körper dagegen wehrt. Ich bin nur mit „Stell dich nicht so an, mach trotzdem“ aufgewachsen. Und so habe ich lange ein Leben gelebt, das sich nicht gut anfühlte, und dachte, das sei normal.
Da liegt für mich der Hund begraben. Es ist schwierig, „einfach dafür zu sorgen, dass es mir gut geht“, solange ich ein Leben lebe, das nicht meins ist. Wenn ich Ziele verfolge, die nicht meine sind. Und wenn wir gegenseitig voneinander verlangen, jemand zu sein, der wir nicht sind.
Wer bist du?
Mit meinen Kindern sehe ich das besonders deutlich. Ich erwische mich, wie ich auf meine Kinder projiziere, was ich selbst gern gehabt hätte. Aber sie sind eigene Menschen. Vielleicht wächst da gerade ein kleiner Pionier unter Bewahrern auf. Oder ein kleiner Leader. Und einem kleinen Leader zu sagen, wo es langgeht, ist schwierig. Der will selbst mal führen und das ausprobieren.
Deshalb vermute und erwarte ich bei meinen Kindern nicht, wie sie zu sein haben, nur weil sie in einem bestimmten Alter sind. Ich schaue lieber hin und frage: Wer bist du? Das finde ich total spannend, nicht nur bei meinen Kindern, auch bei meiner Frau. Wer bist du, wenn dir keiner vorschreibt, wer du zu sein hast? Wer, wenn du deine eigene Wahrheit leben darfst?
Je mehr ich mich auf diese Reise einlasse, desto normaler wird es. Und desto leichter fällt mir zu sagen: Moment, mir geht es gerade nicht gut. Ich lebe gerade wieder die Wahrheit von jemand anderem. Ich versuche gerade wieder, Erwartungen zu erfüllen, die nicht meine sind. Ich renne und mache Dinge, die ich nicht mag, weil ich glaube, ich müsste.
Wenn ich hinter diesen Vorhang schaue, merke ich: Dahinter steckt ein Ich mit seinem eigenen Kompass. Eigentlich habe ich schon immer gespürt, dass da noch etwas anderes ist. Je mehr ich das rauslasse, desto leichter fühle ich mich wohl.
Und dann reicht es tatsächlich, mir einfach zu sagen: Hey, du bist gerade gestresst. Mach mal eine Pause.
Matthias Wilke · Autor von „Angekommen“ und Gastgeber der Angekommen-Seminare