Blockaden lösen? Nein.
„Ich müsste auch mal an mir arbeiten. Da sind noch ein paar Blockaden, die ich lösen muss.“
Nein, muss ich nicht. Ich glaube sogar, genau dieser Gedanke ist die Wurzel von einem Großteil des Stresses, den ich in meinem Leben hatte.
Ich weiß, wie verführerisch es klingt, Blockaden zu lösen, und dann ist alles gut. Ich bin selbst genau diesen Weg gegangen. Aber jedes Mal, wenn ich eine Blockade in mir gefunden habe, hatte ich das Gefühl: Boah, jetzt habe ich wieder etwas über mich gelernt, jetzt bin ich einen Schritt weiter.
Skeptisch wurde ich, weil es nie aufhörte. Egal wie viele Blockaden ich gelöst habe, darunter kam die nächste. Wie bei einer Zwiebel: eine Schale ab, dann die nächste und die nächste und die nächste. Warum das so ist, habe ich im Artikel Warum „an mir arbeiten“ eine Falle ist erzählt: Solange ich nach Blockaden suche, finde ich auch welche.
Hier will ich einen Schritt weitergehen. Woher kommt eigentlich der Gedanke, dass es eine gute Idee wäre, Blockaden zu lösen? Oder dass Blockaden überhaupt der Grund dafür sind, dass mein Leben nicht so ist, wie ich es erwarte?
Von innen ergibt alles Sinn
In meinen Sessions schaue ich oft tief in das Unterbewusstsein meiner Klienten, also in das, was einen Menschen antreibt. Warum er handelt, wie er handelt. Und jedes Mal ist es von innen völlig logisch. Ich habe noch keinen Menschen getroffen, dessen Entscheidungen von innen keinen Sinn ergeben hätten.
Von außen sieht das oft ganz anders aus. Ich sehe, was jemand tut, verstehe seine Gründe nicht und finde es doof. Das ist normal, da ist nichts falsch dran. Schwierig wird es erst, wenn ich daraus ableite: So darfst du das aber nicht machen. So kannst du das aber nicht sehen.
Das Spielzeug
Letztens habe ich eine Frau gesehen, die einem zweijährigen Kind erklärt hat, wie man mit seinem Spielzeug richtig spielt.
Für mich ist Spielen dazu da, die Welt zu entdecken. Ein Spielzeug ist ein Werkzeug dafür. Das Kind benutzt es auf seine Art und lernt dabei genau das, was es gerade lernen will. Und dann komme ich als Erwachsener und lege eine Erwartung darüber: Nee, so spielt man das nicht. So wie du das machst, ist es falsch.
Genau so bin ich aufgewachsen. Mit ganz klaren Vorstellungen, wie Dinge gemacht werden. Und wenn ich aus der Reihe getanzt bin, habe ich gespürt, dass das nicht okay ist. Irgendwann habe ich aufgehört, auf meine innere Stimme zu hören, und angefangen zu glauben, was mir gesagt wurde. Ohne zu wissen, woher diese Vorstellungen eigentlich kommen und ob sie überhaupt zu irgendetwas führen.
Was dabei übrig blieb, war der Satz: Mit mir stimmt etwas nicht.
Die Sackgasse
Wenn ich glaube, dass ich an mir arbeiten muss, glaube ich, dass ich anders sein muss. Dass ich nicht richtig bin. Wenn ich glaube, dass ich Blockaden lösen muss, glaube ich, dass in mir etwas falsch eingestellt ist.
Und genau dieses Gefühl, „mit mir stimmt etwas nicht“, war bei mir die Quelle. Von dem Stress, von dem Unangenehmen, von dem ständigen Gefühl, noch nicht da zu sein. Die Blockadensuche hat dieses Gefühl nicht aufgelöst, sie hat es jeden Tag bestätigt.
Also habe ich angefangen, mir eine andere Frage zu stellen: Was, wenn das gar nicht stimmt?
Ich kann nicht smalltalken
Natürlich kommt dann sofort mein Verstand und sagt: Doch, ich habe wirklich Blockaden, ich kann ja dies nicht und jenes nicht.
Das stimmt. Ich kann zum Beispiel nicht smalltalken. Beziehungsweise, ich kann es schon. Aber es langweilt mich. Es ist einfach überhaupt nicht meins.
Lange habe ich damit gehadert. Ich dachte, ich müsste so ein Typ sein, mit dem man feiern geht und über Fußball redet. Die Wahrheit ist: Es interessiert mich nicht. Über das, was Menschen antreibt, über Philosophie, über Gesellschaft, da kann ich tagelang reden. Dafür brauche ich kein Bier und keinen Grill.
Das ist aber keine Blockade. Das ist, als würde ich bei einer Marmorstatue sagen: Mit der stimmt was nicht, da ist ja gar kein Holz dran. Ja klar, ist ja auch eine Marmorstatue. Ich kann auch nicht fliegen. Ich bin ja auch kein Vogel.
Seit ich nicht mehr glaube, ich müsste ein Smalltalker sein, muss ich es nicht mehr versuchen. Ich muss mir keinen Job mehr suchen, in dem ich ständig Smalltalk brauche. Es ist kein Fehler mehr, sondern eine Erkenntnis darüber, wer ich bin. Und ich kann heute Gelegenheiten in meinem Leben erschaffen, in denen ich mich mit anderen Menschen austauschen kann, die an ähnlichen Themen Interesse haben wie ich – statt wie zuvor mit Bier am Grill zu stehen und zu versuchen, ein Gespräch über das Unterbewusstsein zu führen.
Das heißt nicht, dass ich nichts mehr dazulerne. Ich kann mich jederzeit fragen, ob ich etwas lernen will oder kann, ob es mir entspricht – der Unterschied ist nur, dass ich nichts mehr an mir dabei für einen Fehler halte.
Oberflächlich
Als ich noch nach meinen Blockaden gesucht habe, hatte ich oft Beef mit anderen Menschen. Ich dachte zum Beispiel: Wow, die sind ja so oberflächlich.
Heute weiß ich, das war mein eigener Kompass. Er hat mir gesagt: Moment mal, ich gehöre da nicht dazu. Das ist nicht meins.
Heute finde ich es toll, Menschen um mich zu haben, die so smalltalken können. Die so sind, wie ich es früher oberflächlich genannt hätte. Sie haben Fähigkeiten und Möglichkeiten, die ich nicht habe. Wenn wir uns zusammentun, gewinnen wir beide. Das gilt für mich in der Familie genauso wie im Job. Probleme gibt es nur, solange wir uns gegenseitig einreden, an uns wäre was falsch.
Die anderen sind genauso richtig, wie ich richtig bin. Und verändern kann ich sie sowieso nicht. Sie treffen ihre eigenen Entscheidungen, so wie ich meine.
Aber wir kriegen doch gutes Geld dafür
In einem meiner früheren Jobs war ein Teil der Arbeit wirklich furchtbar. Ich habe zu einem Kollegen gesagt: Mir dreht sich der Magen um, wenn ich daran denke, da hinzugehen. Er sagte: Mir auch, aber wir kriegen doch gutes Geld dafür.
Das war für mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich dachte: Wie viel Geld müsste ich dafür bekommen, das zu ertragen? Etwas immer wieder zu machen, gegen das sich mein ganzer Körper wehrt?
Ich bin froh über das Gespräch, weil mir dort klar geworden ist, was ich nicht machen möchte: Mein Leben damit verbringen, Dinge zu tun, die sich für mich falsch anfühlen.
Eigentlich habe ich es immer gewusst
Nach meinen Sessions höre ich immer wieder denselben Satz: „Eigentlich habe ich das immer gewusst. Eigentlich habe ich immer gefühlt, dass das nicht mein Weg ist. Ich habe mich nur nicht getraut, darauf zu hören.“
Ich habe vor langer Zeit angefangen, nur noch darauf zu hören: Will ich das? Ist das wirklich meins? Und auszuprobieren, ob ein Leben möglich ist, in dem ich Ich sein kann. In dem ich entdecken darf, was ich kann, und meine Freude und meine Talente einbringe, ohne zu glauben, dass mit mir etwas falsch wäre. Oder ich Blockaden oder sowas hätte. Nichts an mir ist falsch, es war einfach nicht die richtige Umgebung für mich.
Heute ist das für mich keine Theorie mehr. Und es befriedet mein Leben in allen Bereichen. Die meisten Probleme, mit denen ich mich früher im Alltag herumgeschlagen habe, hatten ihre Ursache darin, dass irgendjemand falsch ist. Der andere ist falsch. Ich bin falsch. Ich mache es sowieso nicht richtig. Wenn ich das herausziehe, bleiben erstaunlich wenig Probleme übrig.
Deshalb reagiere ich so allergisch, wenn jemand sagt: „Matthias, kann ich mal vorbeikommen? Ich hätte da auch ein paar Blockaden, die wir lösen müssten.“ Nein. Ich hoffe, dass du nach einem Gespräch mit mir und spätestens nach dem Seminar spürst: Was dich stört, sind keine Blockaden in dir. Es geht nicht länger darum, in dir etwas zu ändern, sondern endlich nach dem zu leben, was du schon lange spürst.
Matthias Wilke · Autor von „Angekommen“ und Gastgeber der Angekommen-Seminare