Stress, Meditation oder das Beste aus beiden Welten?
Der Mönch auf dem Berg, der nur meditiert, und der gestresste Manager, der durchs Leben rennt – beide sind Seiten derselben Medaille. Beide erleben einen Teil des Lebens sehr intensiv und einen anderen dafür gar nicht.
Denn beide glauben dasselbe: dass Ruhe und Tun sich ausschließen. Der Mönch geht auf den Berg, um Ruhe zu haben. Der Manager hofft auf Ruhe, wenn endlich alles erledigt ist. Der eine verzichtet dafür aufs Tun, der andere schiebt die Ruhe auf später – auf ein „Erst muss ich noch …“, das nie endet.
Das ist auch okay. Wir sind schließlich frei, das Leben so zu leben, wie wir möchten.
Aber es gibt einen Modus dazwischen. Einen, in dem ich nicht zwischen drei Meetings versuchen muss, noch zu meditieren. Und in dem ich mich nicht vom Leben zurückziehen muss, während sich die Arbeit stapelt. Ich nenne ihn den Angekommen-Zustand.
Dass Dauerstress einen hohen Preis hat, weiß inzwischen jeder. Wenn mein Körper ständig unter Strom steht, kommt er irgendwann nicht mehr runter. Selbst wenn nichts mehr zu tun ist, läuft er auf hoher Drehzahl weiter.
Aber auch der Rückzug hat seinen Preis. Nicht die Meditation selbst – sondern wenn ich mich aus allem rausnehme, was mich fordert. Dann fehlt die Übung im echten Leben, und kommt doch mal eine Herausforderung, trifft sie mich unvorbereitet.
Die naheliegende Antwort wäre Balance: acht Stunden Vollgas, eine Stunde Yoga. Ein bisschen Stress, ein bisschen Entspannung, sauber aufgeteilt. Genau das meine ich aber nicht. Angekommen ist kein lauwarmes Mittelmaß zwischen beiden Welten. Es ist beides ganz, in derselben Sekunde: Anspannung und Entspannung, Handlungsfähigkeit und Ruhe, Action mitten in der Stille.
Ich muss nicht mehr entweder etwas erledigen oder meditieren. Das Erledigen selbst wird zur „Meditation“.
Das sieht bei mir zum Beispiel so aus: Drei Kinder und eine Frau wollen gleichzeitig etwas von mir, die Nudeln kochen über, es klingelt an der Tür – und eigentlich will ich noch eine Mail abschicken, bei der mir nur der letzte Satz fehlt.
Aber statt wie früher mit Stress zu reagieren oder zu glauben, ich müsste dringend mal wieder meditieren, lächle ich heute innerlich und nehme wahr: Das ist gerade mein Leben. Es gab Zeiten, da war ich einsam. Da hätte ich für diesen Moment ein Königreich gegeben.
Ja, es ist gerade viel. Aber ich atme es ein. Ich spüre meine Überforderung genauso, wie ich sie auf der Achterbahn spüre – und ich genieße sie.
Dafür braucht es keine Disziplin und keine monatelange Übung. Denn das Einzige, was zwischen dem „normalen“ Leben und dem Leben im Angekommen-Modus steht, ist der Schleier der Gedanken – der scheinbar niemals endende Gedankenstrudel.
Balance heißt: ein bisschen von beidem. Angekommen heißt: das Beste von beidem – gleichzeitig.
Ich erledige alles und bin dabei ruhig und zufrieden.
Matthias Wilke · Autor von „Angekommen“ und Gastgeber der Angekommen-Seminare